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Blogparade: Integration von Menschen mit Behinderung

Ich bin wieder da. Nach Monaten der Abwesenheit zieht es mich zurück zum Blog. Einiges will und muss ich noch nacharbeiten. Dazu gehört die Fortsetzung der Afghanischen Verlobung, denn mittlerweile ist das Paar verheiratet. Auch die Familie möchte ich noch fertig vorstellen. Und insgesamt möchte ich wieder aktiv den Blog füllen.

Beginnen aber werde ich mit einer Blogparade von Chaoshep.

Chaoshep und ich habe einiges gemeinsam wie ich beim stöbern im/auf dem Blog feststellen musste. Ich bin weder Reiterin, noch Heilerziehungspflegerin, aber auch ich arbeite in einer Einrichtung für Behinderte und Chaos ist, so glaube ich, ein Begriff der beruflich wie Privat fester Bestandteil ist.

Das Thema Integration ist ja generell ein Thema hier bei mir, aber diesmal geht es insbesondere um Behinderte. Also quasi um unsere berufliche Klientel.

Chaoshep/Fräulein_ich schreibt von einem Gespräch mit einem Bewohner, der meinte, dass Integration damit beginnt, das nicht mehr von Menschen mit Behinderung gesprochen wird. Vor vielleicht zwei Wochen führte ich ebenfalls so ein Gespräch und auch der Bewohner mit dem ich sprach äußerte sich so.

Nun ist das alles andere als einfach das so umzusetzen. Insbesondere dann wenn es nicht damit getan ist die Behinderung auszublenden.

Ein Beispiel: Da ist dieser 16jährige Rollifahrer. Auf Grund seiner Behinderung kann er nicht gehen und nur sehr kurz mit sehr viel Hilfe stehen. Seine Familie wohnt in einer viel zu kleinen Wohnung im 5.Stock ohne Aufzug. So muss der Vater Kind und Rollstuhl jedes Mal in die Wohnung schaffen. Es ist nicht genug eine Wohnung im Erdgeschoss zu suchen oder eine mit Aufzug, sondern es muss auch eine mit Fluren die breit genug für einen Rolli sind sein. Es muss eine sein mit einem Bad das die Möglichkeit bietet den größer und älter werdenden Jungen in die Badewanne oder unter die Dusche zu bekommen, ohne das der Vater schleppen muss. Es muss eine sein die einem Vermieter gehört, den es nicht stört, das die Familie aus Russland stammt und drei Behinderte Familienmitglieder hat.

Wie erfolglos Integration hier ist sieht man daran, dass die Familie selbst mit Hilfe des Wohnungsamtes keine Wohnung bekommt, obwohl der Vermieter „nur“ zwischen drei Interessenten wählen kann/darf. Und das seit Jahren.

Anderes Beispiel: Es ist nun nicht so, dass jeder der in einer Einrichtung arbeitet, so denkt und handelt, wie man es erwarten sollte oder würde.  Bei meinem Chef z.B. ärgert mich das er A sagt, aber B macht. Nicht immer- er kann sehr konsequent sein, aber speziell bei diesem Beispiel ist er eben nicht wie erwartet. Wir haben einen Bewohner, 19 Jahre, der im nächsten Sommer ausziehen muss.

Nun habe ich mit dem Chef schon vor ein paar Monaten gesprochen und er meinte selbst, das dieser Bewohner in den 1. Arbeitsmarkt gehört und nicht in eine Behindertenwerkstatt. Das er eine eigene Wohnung mit Pflegedienst haben sollte. Nun, wo es in die heiße Phase der Suche geht, sieht das ganz anders aus. Kein Versuch einen Ausbildungsplatz zu suchen, bzw. bei der Suche zu helfen. Kein Versuch ihm zu helfen eine Wohnmöglichkeit nach seinen Wünschen zu suchen. Dafür aber hat er bereits den Anmeldebogen für eine andere Einrichtung ausgefüllt, die Wohnen & Arbeiten (Behindertenwerkstatt) gleichzeitig bietet. Eben das, was zu diesem jungen Mann nicht passt und was dieser auch auf keinen Fall will. Von einer Einrichtung in eine andere. Abgeschoben und ausgegrenzt.

Nun weiß der Chef nicht, was ich weiß. Nämlich das der junge Mann schon länger einen Nebenjob hat und ca. 2x pro Monat Samstags in einem großen bekannten Elektronikladen arbeitet. Sein Chef dort tut mehr für die Integration als mein Chef und das ist wirklich traurig. Es zeigt aber gleichzeitig das alles eine Frage der Bereitschaft und des Willens ist. Fehlt noch die Wohnung. Daran arbeite ich jetzt mit ihm. Und ich hoffe, dass wir auch da etwas erreichen.

Nun hatte ich bei meinem ersten Beispiel bereits das Thema geeignete Wohnung angesprochen. Noch einmal: Die Familie einer weiteren Bewohnerin baut jetzt selbst ein Haus für sich. In diesem Haus wird es möglich sein mit dem Rollstuhl alle Räume zu erreichen und sich frei zu bewegen. Denn etwas derartiges haben auch sie bei ihrer langjährigen Wohnungssuche bisher nicht bekommen.

Integration ist eine Sache, bei der alle mit anpacken müssen. Vermieter, Passanten, Fahrgäste, Nachbarn, Arbeitgeber, Kollegen,… Jeder kann seinen Beitrag leisten und helfen. Nein, es ist nicht notwendig jedem Rollifahrer unbedingt in die Bahn zu helfen- es sei denn, er schafft es nicht allein. Aber man kann auch anders helfen und da bring ich nun mein letztes Beispiel für heute:

Volle U-Bahn. Eine Rollifahrerin steht dort. Die Bahn wird immer voller. Die Menschen vor ihr drängeln immer mehr, stehen mit dem Rücken zu ihr, sitzen fast auf ihrem Schoss. Panik macht sich bei ihr bemerkbar. Von draußen drängeln die Leute und murren, weil nach ihrer Meinung da hinten noch Platz für mindestens zwei Leute wäre. Keiner sagt: „Stop, hier steht ein Rollstuhl“,  keiner entschuldigt sich für das ständige stoßen gegen den Rollstuhl und ihre Füße. Niemand achtet auf den panischen Ausdruck in ihrem Gesicht.

 

 

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Zuhause II-4

Deutschland hat uns wieder. Ich bin froh dass ich die ersten Tage frei hatte, denn die Umstellung war gar nicht so einfach. In Marokko war der Sonnenuntergang recht zeitig, daher haben wir abends so zwischen 19:30 Uhr und 20 Uhr gegessen. Hier wird es nach 21 Uhr. In Marokko aßen wir gegen viertel vor 2 morgens und hier stehe ich um 2:30 Uhr auf zum essen. In Marokko habe ich danach ausgeschlafen, hier klingelt mein Wecker früh und zu guter Letzt: die 26°C angenehme Temperatur ist ganz anders als 28°C brütende Hitze/Stadtluft hier. Schön wieder hier zu sein und doch würde ich gern erst im Herbst wiederkommen.

Um meine Serie der Familienvorstellung aber mal fortzusetzen, kommen wir mal zu dem ältesten meiner Schwager.

In Deutschland ist es schon schwierig wenn ein Kind hochbegabt ist. sofern man dies feststellt ist es für Lehrer deren Studium auf Gleichschaltung ausgerichtet ist, schwierig damit umzugehen. Auch Eltern haben da oftmals ihre Probleme und sofern die Hochbegabung diagnostiziert wird, muss man schon am Ball bleiben um das Kind richtig zu fördern. In Marokko ist das noch ein Tick schwerer. Stöhnen wir hier wenn 30 Kinder in der Klasse sitzen, sind es in Marokko durchaus auch mal 40 und das Augenmerk der Lehrer ist weit weniger auf spezifische Bedürfnisse von Kindern ausgerichtet. Mein Schwager nun ist eines dieser unterforderten und nicht diagnostizierten Kinder, bzw. inzwischen ist er mit Mitte 30 erwachsen.

Grundsätzlich ist er ruhig, eher still. Wird er wütend hört man ihn dennoch nicht schreien, eher erhebt er seine Stimme und man sieht an seinem Gesicht das er wütend ist. Ebenso ist es bei allen positiven Emotionen. Er ist eine Art ruhender Pol, der besonnen argumentiert und berichtet.

Sein absolutes Steckenpferd ist Mathematik. Wo andere büffeln und Bücher wälzen, schüttelt er sich alles aus dem Ärmel, wie man so schön sagt. Überhaupt hat die Familie ein Faible für Mathematik, aber bei ihm ist es besonders intensiv.

Was ich persönlich so wohl lustig als auch anstrengend finde ist seine Art Englisch und Französisch zu mischen. Er beginnt ein Gespräch, manchmal auch nur einen Satz in Englisch und fällt plötzlich ins französische. Da meine Französisch-Kenntnisse echt in den Kinderschuhen, eher Babyschuhen stecken, muss ich mich ganz schön konzentrieren um mitzukommen.

Seit Baba nach Rabat ins Krankenhaus musste lebt er allein in der elterlichen Wohnung in Fes. Samstag früh steigt er in den Zug um die Familie zu besuchen und Sonntag Vormittag geht es zurück. In Fes hat er einen Job und nebenbei schreibt er seine Doktorarbeit. Im Oktober gibt es einen wichtigen Termin bei dem er diese Arbeit präsentieren muss und das wird hier in Deutschland sein. Unser aller Hoffnung liegt darin, dass ihm diese eine gute Arbeitsstelle beschert.

 

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Zuhause II-3

Meine jüngste Schwägerin, das Küken der Familie, ist mittlerweile auch schon 26 Jahre. Eine lustige, nette junge Frau, die sich erst vor kurzem entschlossen hat Kopftuch zu tragen. Grundsätzlich kleidet sie sich eher westlich.

Sie ist die einzige die in Fez geboren wurde. Sie fängt mit dem Lernen von haushälterischen Dingen erst an. Daher hilft sie viel, lässt alles begutachten und wird langsam selbstständiger.

Eine Weile hatte sie überlegt in Deutschland zu studieren aber sie hat die Sprachprüfung nicht bestanden. Verstehen kann sie sehr gut, nur bei der Sprache hapert es. Sie freut sich daher immer wenn sie mit uns etwas sprechen kann.

Sie lacht viel und gern. Derzeit ist sie krank aber trotz Schmerzen verliert sie ihre gute Laune nicht.

Meisst ist sie mit ihrer Schwester anzutreffen aber sie albert auch gern mit ihrem Brüdern rum. Am schlimmsten ist es mit dem jüngsten Sohn der Familie. Beide zusammen sind manchmal wirklich kaum noch erträglich. Sie ärgern sich permanent gegenseitig. Auch meine Jungs haben Gefallen daran gefunden und beteiligen sich rege.

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Zuhause II-2

Meine „älteste“ Schwägerin ist die erstgeborene der Familie. Mittlerweile 40 Jahre und die eigentliche Herrin des Hauses.

Nach der 8. Klasse überließen die Eltern ihr die Entscheidung ob sie weizer zur Schule gehen oder lieber der der Mutter zu Hause helfen wollte. Sie entschied sich zu helfen und die Eltern erkannten bald das es falsch war sie danach zu fragen, aber es war zu spät. Ungebildete Mädchen sind keine beliebten Heiratskandidatinnen. So lernte sie kochen,backen und was sonst noch alles zum Haushalt führen dazu gehört.

Sie hat ein Talent zum Nähen daher arbeitete sie eine Weile für jemanden der Jelabas und Co. verkauft. Maßanfertigung mit Qualität und selbstverständlich auch Änderungen und Reparaturen. Doch die zunehmende Lieferung von Altkleidern aus Europa machte es schwieriger und irgendwann schloss der Laden. Man organisierte ihr eine Nähmaschine und eine Strickmaschine. Danach bearbeitete sie Aufträge von Nachbarn, Familie, Freunden. Ihr Bruder programmierte die Strickmaschiene, denn das kann sie nicht und sie fertigte vor allem warme Winterkleidung.

Es rentierte sich auch bald nicht mehr. Da sie auch super backen kann begann sie von zuhause eine Art Cateringservice für Feste. Sie lieferte die tollen Backwaren. Als sie günstig einen Laden übernehmen konnte hatte sie ihre eigene Bäckerei. Diese behielt sie auch Anfangs nach dem ersten Umzug der Familie.

Jahrelang suchten sie nach einer anderen Wohnung und endlich fanden sie etwas. Doch aus der alten Wohnung direkt in die neue klappte nicht, daher mussten sie vorrübergehend eine „Zwischenwohnung“ nehmen und dann ging es endlich ins neue Heim. Viel Arbeit und keine Zeit für die Bäckerei. Schließlich kam der drei monatige Krankenhausaufenthalt von Baba dazu und die Familie wollte natürlich bei ihm sein, zumal es eine Weile so schlecht um ihn stand das sein Überleben nicht gesichert war. Man packte die Koffer und zog zum jüngsten Sohn der Familie, der beruflich weiter weg, aber näher an Rabat wohnte.

Inzwischen hat sie den Haushalt übernommen. Mama hat Pause. Natürlich macht sie noch einiges, aber durch die Wohnung wirbeln braucht sie nicht mehr.

Insgesamt ist es für meine Schwägerin gut hier zu wohnen, aber wie ich schon erwähnte ist die Familie das warme Wetter aus dem Landesinneren gewohnt. Sie friert hier und meine Schwägerin ist als einzige der Familie ein schmächtiger Zahnstocher was es schlimmer macht. Im Landesinneren ist es jedoch bedingt durch den Sand immer recht staubig und sie hat eine Allergie. Täglich hustete sie so stark das sie sich immer wieder übergeben musste. Hier geht es ihr gut.

Ich mag sie sehr gern, aber mit ihr habe ich am meisten Schwierigkeiten. Genau wie ich hat sie Prinzipien und da ist sie stur. Ich mag es z.B. nicht wenn kemand anderer die Spülmaschine einräumt. Ich habe mein System. Ausräumen ja und lieber ärgere ich mich über Schüsseln im Topfschrank, als das ich mich über eine eingeräumte Spülmaschine ärgere. Sie ist ähnlich. Es ist ihr Schema F nachdem sie Pizza backt auch wenn es umständlich und Zeitaufwendig ist. Ansonsten läßt sie mich helfen aber wacht über allem und bemüht sich mir ihre Art der Handhabung zu zeigen.

Sie trägt grundsätzlich eine Art Fleecemütze im Haus mit der sie ihre Haare bändigt und den Kopf wärmt. Geht sie raus zieht sie ein Kopftuch darüber. Eine Fleeceweste hat sie über dem langärmligen Shirt und eine Fleecehose deren Beine sie mit Gummibändern hoch hält über einer Leggings. Geht sie raus zieht sie entweder eine Jelaba drüber oder aber eine Hose und eine Jacke.

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Zuhause II- 1

Mama gehört zu jenen Menschen bei denen ich das Gefühl habe, sie werden rein äußerlich nicht älter. Sie ist nach all den Jahren so wie ich sie kennengelernt habe.

Geburtstag ist hier nur etwas das für offizielle Dokumente benötigt wird. Gefeiert wird er nicht, auch nicht besonders bedacht. Ich kann die Uhr nicht eine Sekunde zurückdrehen und ich werde nun mal jede Sekunde älter.

Mama ist nun bald 60, ihr Mann knapp darüber. Zuhause trägt sie grundsätzlich ein Kopftuch das sie sich mal so und mal so befestigt. Heute ist es himmelblau und die Enden hat die gedreht und über den Kopf geschlungen. Sie trägt grunfsärzlich eine Art Hauskleid mit einer Schürze darüber. Drunter lange Hose und langärmeliges Shirt. Geht sie raus erkennt man sie kaum wieder. Das Kopftuch wird neu und ordentlich gebunden, eine Jelaba ersetzt das Kleid.

Am Telefon klang ihre Stimme in letzter Zeit kraftlos und krächzend. Doch hier ist sie wie immer. Dennoch macht ihr Knie Probleme und auch ihr linker Fuss ist nicht mehr top. Sie verlässt fas Haus selten. Geht mal Besorgungen machen und sonst ist sie für alle da.

Ihre Eltern sind nicht mehr die jüngsten und gesündesten. Aber im Vergleich zu Babas Mutter, die mittlerweile 120 Jahre alt ist sind sie mit um die 90 jung. Sie wohnen ausserhalb in einem Dorf und daher gibt es wenige Besuche.

Mama ist ein fröhlicher, liebevoller Mensch.

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Zuhause II

Ich möchte mal meine Familie vorstellen. Bewusst nenne ich sie meine Familie wenn wir auch nicht blutsverwandt sind. Mein Schwiegervater wird nicht müde mir immer und immer wieder zu versichern das ich hier nicht nur herzlich willkommen bin, sondern auch seine Tochter- ohne jeden Unterschied zu seinen anderen Kindern.

Gerade vor dem Wiedersehen mit ihm habe ich mich gefürchtet. In meiner Erinnerung ist er ein Mann mit breiten Schultern, etwas größer als ich. Weißer Bart und ein weißer Haarkranz um eine Glatze die in der Regel mit einer Mütze bedeckt ist. Er verkörperte für mich immer Stärke. Dann kam im letzten Jahr seine Krankengeschichte dazu.

Schon lange hat er Probleme mit den Nieren und der Galle und von seinem Arzt einen Diätplan der ihm alles mögliche verbietet. Typisch für ihn, das er da gern mal fünfe grade sein lässt. Brachte ihm natürlich Beschwerden ein.

Dann kam sein Sturz mit dem er nicht zum Arzt wollte. Ein Fehler, denn so dauerte es recht lange bis er die Diagnose Beckenbruch bekam und endlich behandelt wurde.

Eine Niere hat sich verabschiedet und eine Weile war von einer Transplantation die Rede, aber nicht ohne vorherige Dialyse. Drei Monate war er im Krankenhaus. Extra nach Rabat gebracht.

Am Telefon klang seine Stimme immer furchtbar seit jener Zeit, ebenso wie die von Schwiegermama. Aber das ist ihre Geschichte.

Was würde mich erwarten wenn ich ihn wiedersehe?

Seine Stimme scheint schwächer geworden und es macht den Eindruck als wäre er geschrumpft. Gerade auf meine Größe

Die Haare sind verschwunden,die Mütze ständiger Begleiter. Sein Gang nicht mehr sicher und man erkennt die Hüftprobleme. Unter seiner Kleidung scheint er knapp unter dem Normalgewicht zu liegen.

Das Gebet verrichtet er vom Rollstuhl aus und außerhalb des Hauses geht er mit Stock. Sehr flott. Man muss schon schauen dass man den Anschluss nicht verliert. Mir wurde gesagt er würde immer nurgerade aus laufen. Das kann ich nicht bestätigen. Er weiß wo er hin will und da rennt er hin. Aber an der Straße sollte man ihn besser nicht allein lassen, obwohl Fußgänger auf der Straße hier normal sind. Aber auf der Straße gehen oder diese überqueren sind zwei verschiedene Dinge.

Früher ging er regelmäßig in die Moschee zum Gebet, jetzt, da er nicht mehr allein dorthin darf geht er nur abends zum Gebet nach Sonnenuntergang (Magreb). Danach geht er normalerweise gern noch spazieren aber während des Ramadan bleibt er zum speziellen Ramadan Gebet (Tarawieh) und dem abschließenden Nachtgebet (Isha’a) dort und geht dann mit seiner Begleitung wieder Heim.

Früher hatte er schon immer den Quran als ständigen Begleiter, in dem er fleißig las und das hat sich nicht geändert, nur der Quran selbst hat inzwischen die Größe A3 mit größerer Schrift.

Inzwischen hat sich durch meine Kids die Benennung „Oppa“ und für Schwiegermama „Omma“ eingebürgert, aber normalerweise heißt es „Walid“ und „Walida“. Ich hingegen nenne ihn Baba und sie Mama.

Nächstes Mal: Mama

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Zuhause

Ich bin zu Hause. In meinem zweiten Zuhause. Marokko.

Mal wieder hier und das erste Mal im Ramadan.

Das Wetter ist dem in Deutschland recht ähnlich und daher für mich sommerlich. Meine Schwägerinnen hingegen frieren und zeigen das täglich drinben wie draussen durch ihre Kleidung. Leggings und drüber warme Fleecehose. Langarmligrs Baumwollshirt und wenn wir raus gehen kommt noch eine warme Jacke und Hose drüber oder direkt eine Jellaba. Dagegen ich in dünnem, leichtem Shirt und Rock oder dünner Hose und bitte keine Jacke.

Im Ramadan läuft das Leben in Marokko anders. Tagsüber arbeiten nur jene die müssen. Geschäfte sind kaum geöffnet und die Menschen sind daheim.

Das hat Vorteile. So gehört einem z.B. der Strand fast allein

Das Leben beginnt abends nach Sonnenuntergang wenn alle gegessen haben.

Dann fahren Kinder und Jugendliche Rollschuh, Inlineskate, Skateboard und Fahrrad. Und für die Kleineren wird auch was geboten

Diese süssen Autos gibt es auch ein klein wenig größer und je nach Fähigkeit des Kindes entweder zum selbst fahren oder mit Fernbedienung für die Eltern.

Die älteren Teens oder auch jungen Erwachsenen sitzen in Grüppchen beisammen und reden über was auch immer. Hier und da hört man Musik aus einem kleinen Radio oder vom Handy. Familien gehen zusammen spazieren, oder sitzen im Cafe, Geschäfte haben geöffnet.

Das Leben wurde vom Tag in die Nacht verlegt.

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Wochenende

Es ist  schon wieder Wochenende.

Letzes Wochenende war schönes Wetter und endlich haben wir es mal sinnvoll nützen können. Na ja, ganz sinnlos waren die anderen Wochenenden nicht, aber der letzte Sonntag war besonders.

In der Nacht brach mein Mann gen Eltern auf. Zwei Wochen ist er weg und damit habe ich mal ein wenig Zeit und Raum zum werkeln. Ist er da ist es schwerer und ich komm nicht vorwärts.

Mittags gab es dann ein Treffen. Alle vier Kids und ich im Park. Zwei Picknick-Decken, Essen, Trinken, gute Laune, ein Fußball und zwei Wasserpistolen. Auf letzteres hätte ich verzichten können. Der Fußballer hatte immer noch nasse Stellen an der Hose von der Wasserschlacht mit seinem Bruder, aber okay. Es war warm und der Fußball allein reichte nicht aus.

Der Nachmittag war super, wir machten endlich mal wieder Familienfotos und keiner sprach von der wenigen Zeit die er hat. Tage wie solche gibt es einfach zu wenig.

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Heute hat schon wieder keiner wirklich Zeit. Die Tänzerin hängt mit dem Kopf in ihren Büchern weil sie Montag eine Prüfung hat und die SML muss arbeiten und ist froh wenn sie ins Bett fallen kann. Morgen muss ich arbeiten. Nachts, ja, aber immerhin. Meine Jungs werden bei meiner Freundin übernachten und am Montag noch mal und damit bin ich dann schon wieder durch mit meinen Stunden.

Das nächste Wochenende ist dann bereits im Ramadan und ich werde mit den Jungs nach Marokko fliegen. Mal wieder Familie, mal wieder „Urlaub“, mal wieder was anderes. Oder wie mein Fußballer neulich meinte:“Ich muss mal wieder zu Oma und Opa. Ich bin schon zu lange in Deutschland.“ Ja, seit Januar hält er schon durch 🙂

Ramadan in Marokko. Ich freu mich drauf. Der Tag läuft dort ganz anders ab.

Trotzdem mach ich mir Sorgen. Mein Schwiegervater ist schon länger krank. Hüft-OP, Dialyse.. er hat es überstanden, aber nun leidet er an Demenz, vergisst viel. Ob er uns noch erkennt?

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Nicht wahrgenommen…

…wird von deutschen Medien der beachtliche Boykott von drei großen Firmen in Marokko. Gestartet wurde das ganze am 20 April von Twitter- und Facebook- Accounts.

In 14 Tagen beginnt der Ramadan und pünktlich vorher haben die größten und beliebtesten Firmen die Preise mal wieder erhöht. Ausgerechnet für wichtige Dinge wie Trinkwasser, Benzin und Milch.

Zwar haben offiziell 80% der Bevölkerung Zugang zu sauberem Trinkwasser, jedoch ist das Leitungswasser vor allem in den Städten mehr oder weniger stark gechlort und kann daher zu gesundheitlichen Problemen führen.  Die übrigen Orte leiden häufig an von Firmen verschmutzten Bächen und Flüssen die ebenfalls gesundheitliche Probleme mit sich bringen. Auf der sicheren Seite ist man daher eher mit abgefüllten Wasser. Doch hier verdienen die Firmen.

logo.pngSidi Ali“ gehört zu den gern getrunkenen Wassern in Marokko. Seit 1978 wird es aus dem Atlas Gebirge abgefüllt. Zusätzlich vertreibt die Firma noch „Ain Atlas“, „Oulmes“ und „Bahia“ ein gereinigtes Leitungswasser. Geleitet wird die Firma von Miriem Bensalah-Chaqroun, der Tochter des ursprünglichen Gründers Abdelkader Bensalah. Diese ist gleichzeitig Präsidentin des Allgemeinen Bundes der marokkanischen Unternehmen.

Die Firma beschäftigt rund 2.000 Mitarbeiter.

Bensalah gründete das Familienunternehmen Holmarcom,das sich in vielen Bereichen engagiert:Versicherungen, Lebensmittel, Logistic, Vertrieb und Immobilien.

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Die Tankstellen von Afriqui gehören zur Akwa Group mit Hauptsitz in Casablanca. 1958 wurde Afriqui als Konkurrenz zu den Monopolen multinationaler Konzerne gegründet. Nach Schmierstoffen wird die Firma Magreb Oxygene gegründet Erst 1980 entsteht die Akwa Holding die die übrigen Firmen als Tochtergesellschaften unter sich vereint. 1999 investiert die Gruppe in den Telekommonikationssektor. 2002 gab es bereits 40 Tochtergesellschaften. Durch zwei große Fusionen wird die Group 2005 zum führenden Brennstoff- Lieferanten. 2006 unterzeichnet die Firma einen Partnerschaftsvertrag mit dem weltweit drittgrößten Ölkonzern Chevron Texaco. 2007 wird die Real Estate Clusters gegründet. Damit übernimmt die Firma den Wohn-Gewerbe und Tourismus-Immobilienbereich.  Seit 2010 werden verstärkt Hotels und Ferienanlagen gebaut.

Mehrheitseigner der Akwa Group ist der marokkanische Landwirtschaftsminister Aziz Akhannouch. 

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Centrale Laitière gehört der Firma Danone und hat nahezu ein Monopol in Marokko. Danone operiert in 120 Ländern, ist der zweitgrößte Keks- und Milchlieferant weltweit. Seit 2001 beteidigt sich Danone an der saudischen Firma Al Safi Farm. Eigentümer ist Prinz Mohammed bin Khalid Al Faisal.

In einem Interview vom 25. April sagte Aziz Akhannouch: „Marokkaner trinken Milch morgens und nachmittags … das ist kein Spiel“. „Sie sind sich der Tatsache bewusst, dass sie, wenn sie eine Tasse Milch trinken, einer großen Anzahl von Milchbauern helfen, die davon leben.“  Damit hat er so ziemlich die Haltung der betroffenen Firmen dargestellt. Man appeliert an die Hilfe für Mitbürger und verlässt sich auf die Notwendigkeit der Produkte.  Betrachtet man die Größe und Verstrickung der Konzerne können die sich auch entspannt zurück lehnen. Dennoch hat sich der Boykott ausgeweitet, auch Politiker unterstützen diesen und nach den drei ursprünglichen Produkten sollen auch alle weiteren Produkte der Firmen boykottiert werden.

 

 

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Lang ist´s her… Leben VIII

…das ich hier war. Einiges ist passiert. Ein update:

Um ehrlich zu sein: die nervliche Belastung vom Stress auf der Arbeit, lange Fahrzeit und die persönlichen Probleme zu Hause haben mich ziemlich ausgelaugt. Ich habe gekündigt und mir eine Arbeit mit anderen Arbeitszeiten gesucht. Das klappte auch erst beim 2. Anlauf. Jetzt habe ich zwar immer noch eine lange Fahrzeit, aber die Betreuung der Kinder klappt besser weil ich Nachts arbeite. Nur 2-3 Nächte pro Woche aber immerhin. Meine Freundin übernimmt Mittwochs den Handballer und Freitags beide Jungs zum Mittag weil sie da früher zu Hause wären und ich schlafen soll. Doch Nachts läuft weiter nichts ohne die Betreuung durch meinen Mann.

Die Scheidung kommt nicht voran weil das Gericht wegen dem Versorgungsausgleich eine Anfrage an die Rentenkasse gestellt hat und denen nach einigen Wochen Bearbeitung einfiel das es bei meinem Mann ungeklärte Zeiten gab. Natürlich hat sich mein Mann nicht gekümmert und vier Wochen später hatten wir den Wisch noch einmal im Kasten. Ich habe das dann erledigt und dann passierte lange Zeit nichts. Habe zwischendurch mal bei der Rentenkasse angerufen und erfahren dass dort irgendwas umgestellt wird und alles noch dauern wird- länger dauern wird. Der Anruf war im Januar und gedauert hatte es bis vorletzte Woche Samstag. Da hatten wir dann einen Brief im Kasten das nun noch 10 Jahre ungeklärt sind und über dem Datum der Vermerk: ES EILT!  Schon etwas ironisch wenn man bedenkt dass wir auf einen Termin warten.

Wir haben uns bemüht ein einigermaßen „normales“ Familienleben zu gestalten was nicht so einfach war und ist. Mein Mann wollte halt so weiter machen wie bisher, aber da er immer wieder von der Wichtigkeit der Kinder sprach habe ich ihn dann eben auch in die Pflicht genommen. Es hat einiges an Ärger gegeben, aber wir haben angefangen uns gegenseitig zu manipulieren. Er war mein Meister und ich bemühe mich auf seinen Spuren zu wandeln. Inzwischen klappt das recht gut. Seine sogenannten „Freunde“ sind weitgehend abgemeldet weil ich sie nicht mag und ich ihm dass deutlich gezeigt habe. Mein verzogenes Gesicht fürchtet er, denn wenn er das zu sehen bekommt weiß er dass er sich auf einem schmalen Grad befindet. Seine freie Zeit verbringt er daher fast ausschließlich mit den Kindern und auch ich darf ab und zu teilnehmen. Das er pünktlich von der Arbeit kommt wenn ich Dienst habe ist zur Selbstverständlichkeit geworden und er beschwert sich nicht.

Hart erkämpft ist auch seine Bereitschaft mir mitzuteilen wohin er geht und wann er kommt. Oft schwächelt er da noch aber auch hier hat er schon zur Kenntnis genommen dass es besser ist mit zu spielen. Im Gegenzug liegt mittlerweile ein großer Teil der finanziellen Belastung auf meinem Konto. Er zahlt zwar noch den Strom aber nicht mal die Hälfte der Miete. Kleidung, Möbel usw sind meine Angelegenheiten. Nur letzte Woche war er mit dem Fußballer neue Schuhe kaufen weil seine ein Fall für den Müll waren. Die Vereinskosten zahlt er noch.

Was noch in Arbeit ist: Lerneffekt zum Thema Fahrkarte. Nachdem wir immer wieder das Problem hatten das ich zur Arbeit musste und er die Fahrkarte hatte (Das war noch bei der alten Arbeitsstelle) hatte es mir irgendwann gereicht. Ich habe mir eine eigene Fahrkarte besorgt und weil der Handballer zum Training fahren muss hat er auch eine bekommen. Mein Mann war sauer und meinte er bräuchte doch gar keine und daher würde er jetzt seine kündigen. Hat er getan und dann begann das Spiel, dass wir hatten von vorne. Er leiht sich die Karte weil er ausnahmsweise mal in die Stadt fahren will und vergisst sie zurück zu geben. Am nächsten Tag steht dann jemand ohne Karte da. Mittlerweile hatte ich dreimal das Vergnügen mit den Kontrolleuren weil ich natürlich auch nicht daran gedacht hatte dass er noch meine Karte hat. Für ihn war ganz klar die Schuld wie üblich meine, denn ich hätte ihn ja dran erinnern können. Das er sich einfach mal daran erinnert, dass er sich was geliehen hat ist natürlich nicht drin. Aber das üben wir noch.

Trotz allem hatte ich gestern einen ziemlichen Durchhänger. Was ich bei allem nicht vergessen kann ist einfach die Tatsache das es kaum möglich ist eine Arbeitsstelle zu finden ohne das ich Hilfe bei der Betreuung der Kinder brauche. Und auch wenn ich nur 2-3 Nächte pro Woche arbeite sind das doch Nächte in denen jemand bei den Kindern sein muss.