Veröffentlicht in Blogparade, Menschen, Persönlich

Ich bin anders und das ist gut so

Bei Andrea Theile von AT-Bücher und bei Mamianders gibt es eine Blogparade zum Anders sein.

Natürlich könnte ich jetzt etwas darüber schreiben wie unsinnig es für mich ist im Sommer Kleidung kaufen zu wollen weil ich kurze Ärmel ebenso wenig trage wie 7/8- Hosen, kurze oder knielange Röcke ect. Ich bin eben auch anders. Wie wohl jeder Mensch irgendwie anders ist. Aber eigentlich möchte ich hier gar nicht über mich schreiben. Ich möchte vielmehr über meinen Fußballer etwas erzählen, der ist nämlich auch anders.

Für Leute, die ihn nicht kennen ist er ein normaler sechsjähriger Junge und das ist gut so. So einige Mütter meinten schon sie fänden ihn so süß, dass sie ihn am liebsten mitnehmen würden. Und ich denke still für mich: „Ihr würdet ihn sehr schnell zurück bringen“, denn wenn sie ihn zu hause hätten würden sie merken das er eben nicht einfach nur süß ist, aber das ist halt das Problem mit oberflächlicher Betrachtung, wenn man nur nach dem Äußeren geht.

Mein Fußballer war immer besonders. Schon kurz nach seiner Geburt zeigte sich das. Er wollte nicht akzeptieren dass eine Ärztin meinte sie könne ihn einfach mal so ausziehen und untersuchen. Sein Unmut schallte durch das gesamte Krankenhaus. Als sie dann noch versuchte ihn mit einem Schnuller zur Ruhe zu bringen war er endgültig sauer. Gut dass er keinen Knopf zum Zünden einer Atombombe hatte, ansonsten würde die Erde heute nicht mehr existieren.

Die meisten Menschen, so auch diese Ärztin, sind halt der Meinung dass diese Untersuchungen notwendig sind. Schließlich muss man sicher gehen. Doch diese Logik hat im Verstand meines Fußballers keinen Platz. Dass Baby´s damit Probleme haben-Na gut. Irgendwann aber sollte ein Kind verstehen dass es hin und wieder das eine oder andere akzeptieren muss. Zum Beispiel wenn Eltern erklären das die Herdplatte heiß ist oder man nicht einfach über die Straße laufen darf. Für meinen Sohn ergeben Dinge die er nicht versteht jedoch keinen Sinn.

  • Was bedeutet heiß?
  • Was heißt verletzen?
  • Was bedeutet vom Auto überfahren?
  • Was bedeutet tot?

Fragen die man schwer beantworten kann, die mein Sohn aber erklärt haben möchte um zu akzeptieren das er etwas nicht tun soll, was er tun möchte. Ich habe in seinen sechs Lebensjahren mehr Panikattacken und Schweißausbrüche erlebt als in den ganzen Jahren mit den drei anderen.

Hin und wieder fällt er negativ auf. Zum Beispiel letzten Herbst als wir auf dem Weg zum Kindergarten waren. Uns begegnete ein Radrennfahrer, der wohl meinte er könne mal eben in rasantem Tempo zwischen den Häusern durch den Weg lang flitzen, der für Fußgänger und Radler gemeinsam gedacht ist. Nein, er musste abbremsen, denn da war mein Sohn mit seinem Rad. Er fährt seit seinem dritten Lebensjahr, aber er fährt immer noch wie am Anfang, was bedeutet das er mehr Schlangenlinien fährt. Da kommt man nicht einfach so vorbei. Er beherrscht sein Fahrrad, aber er beherrscht kein kontinuierliches Gerade fahren.

Der Rennfahrer sagte nichts, es traf uns nur ein wütender Blick. Die meisten Menschen, vor allem ältere Herrschaften sehen einfach nur ein kleines Kind auf einem Rad und lächeln. Aber es ist eine Frage der Zeit und seines Wachstums bis sich das ändert. Er gehört bereits zu den Großen in seinem Alter.

Offiziell-nach Tests-leidet er an einer Entwicklungsverzögerung, die sich hauptsächlich sprachlich auswirkt. Sein Wortschatz entspricht nicht einem sechsjährigen. Dazu spricht er diverse Buchstaben falsch oder undeutlich. Wir haben ewig geübt bis er Schneeball geschafft hat und noch länger für Schneeballschlacht. 

Wir haben jetzt die vierte Logopädin, die versucht ihm sprachlich zu helfen und zum ersten Mal habe ich das Gefühl wir haben endlich die Richtige.

Jede Logopädin erzählt etwas anderes, jede hat ihre eigene Meinung aber bisher lief alles nach Schema F. Mein Sohn sitzt am Tisch und darf Begriffe benennen. Manchmal durch Gesellschaftsspiele, manchmal beim Eisenbahn aufbauen. Keller-Teller, Dose-Hose oder Schranke, Weiche, Bahnübergang,… Manche Dinge kann er nicht benennen, bei anderen ist nur die Aussprache ein Problem. Manche Dinge, die er nicht benennen kann hat er in seinem bisher kurzem Leben noch nie gesehen oder erlebt, weshalb ich mich darüber nicht wundere, aber manche Dinge sollte er kennen. Es ist okay, wenn der Unterschied zwischen Dromedar und Kamel sich seinen Kenntnissen entzieht, aber ein Kamel sollte er kennen, doch er merkt sich den Begriff nicht.

Laut Untersuchungsergebnis hat er eine Aufmerksamkeitsspanne von etwa 30 Minuten. Fordert man ihn darüber hinaus- so die Theorie- schaltet er einfach ab und nichts was er lernt bleibt hängen.

Unsere neue Logopädin setzt auf Action und Praxis. Vor ein paar Wochen musste er mit ihr einen Parcour aufbauen. Ein Trampolin, eine „Höhle“, eine Schaukelbanane. Vorher musste er Schatzkarten ausschneiden. Vier durfte er golden anmalen. dafür bekam er einen besonderen Stifthalter, der auf Knopfdruck vibriert. Erstaunt beobachtetet ich wie er trotz der Vibration sauber ausmalen konnte. Das ist untypisch. Normalerweise klappt es nicht einmal im ruhigen Zustand wirklich gut. Die Logopädin prophezeite das er sich abends noch an die vier goldenen Gegenstände erinnern würde.Dann ging es zum Parcour. Auf der Banane wippen und mit Sandsäckchen eine auf dem Boden liegende Schatzkarte abwerfen. Auf dem Trampolin hüpfen und einen Ball fangen und zurück werfen. Und jedes Mal gab es eine Karte. Gestern Abend fragte ich ihn nach seinen goldenen Karten und er konnte alle benennen.

Mein Mann hat sich bemüht eine Art Alternative für ihn zu finden. Da unser Kleiner Fußball liebt brachte ihn dass auf die Idee eine Art Messi, Zidane, Boateng oder ähnliches aus ihm zu machen. Aber Eltern die mit ihren Zwergen bei Trainern ankommen und Stein auf Bein schwören ihr Kind wäre ein Talent sind nicht unüblich daher wurde er von allen Vereinen abgelehnt bis er schließlich fünf war. Natürlich ist er nicht direkt wie ein Profifußballer über den Platz gefegt. Vielmehr musste man ihm klar machen das er nicht darauf warten soll, dass der Ball zu ihm kommt. Grundsätzlich ist er ein recht guter Spieler, aber er beherrscht es weit weniger mit einer Mannschaft zu spielen. Allein, mit Bruder oder Papa-das geht, aber eine Mannschaft und gegen eine andere- das war zunächst eine Überforderung. Und bei 24 Kindern kann man von zwei Trainern keine Spezialeinheiten erwarten. Dennoch hat er seinen Platz gefunden und verteidigt super das Tor. Ob mal ein Nationalspieler aus ihm wird?

Langsam merkt er dass er anders ist und er beginnt darunter zu leiden. Er war nie wirklich schüchtern, ist immer auf Menschen zu gegangen, hat Kinder oder Erwachsene angesprochen. Doch nun wird ihm bewusst, dass viele verständnislos schauen und ich „übersetzen“ muss. Sie verstehen ihn nicht. Hin und wieder gibt es Kinder auf dem Spielplatz die ihn nur merkwürdig ansehen und gehen, weil sie nicht verstehen wenn er mit ihnen spricht.

Diesen Sommer wird er eingeschult und weil ich die zuständige Grundschule kenne, bin ich dankbar das er eine Förderschule besuchen darf. Während mein Mann sich bereits sorgt das er die vierte Klasse unbedingt in der „normalen“ Schule machen muss, damit er zum Gymnasium wechseln kann, zählt für mich erst einmal das er nicht unter seinem Anders sein leiden muss, das er Hilfen bekommt, nicht verspottet wird von anderen.

Es gibt derzeit keinen Beruf in dem ich mir meinen kleinen Fußballer vorstellen kann. Dennoch muss auch er einen Platz in der Gesellschaft finden. Selbst wenn er kein gefeierter Nationalspieler sein wird.

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4 Kommentare zu „Ich bin anders und das ist gut so

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